So wird man erwachsen
taz, die tageszeitung 13.02.2009
Nach drei Jahren der Entbehrung erscheint Morrisseys neues Album "Years of Refusal" - und der ehemalige The-Smiths-Sänger hat statt Lilien, Knarre und Geige ein Baby im Arm.
Nein, Liebe auf den ersten Blick ist es nicht, das neue Album von Morrissey. Liefe eins der Stücke im Radio, fiele es in der Kategorie Gitarrenrock nicht einmal besonders auf. Dafür sind die Melodien oft zu beliebig, zu eingängig um herausragend zu sein. Aber einen Morrissey hört man auch nicht nebenher. Seine Songs sind wie guter Rotwein, sie brauchen Zeit um ihr Bukett zu entfalten. Im Fall von Steven Patrick Morrissey sind das die tiefsinnigen Texte und seine unverwechselbare Stimme. Und plötzlich ist sie da, die Gänsehaut.
"Years of Refusal" ("Jahre der Ablehnung") hat alles, was ein gutes Album braucht, traurige Texte, hoffnungsvolle Melodien, hoffnungsvolle Texte, traurige Melodien. Morrissey selbst sagt über sein neues Album: "Die Platte ist unglaublich gut geworden. Wirklich sehr, sehr gut und nach all den Jahren definitiv die gelungenste." Arrogant ist er also immer noch, der "Dandy", der als Frontmann der englischen Indieband "The Smiths" unglaubliche Erfolge feierte.
Gleich das erste Stück "Something is squeezing my skull" gibt die Richtung des Albums vor. Ein schneller, treibender Song, der - kaum angefangen - auch schon wieder vorbei ist. Es geht ihm sehr gut, singt Morrissey, so die erste trotzige Botschaft. Doch dann: "There is no hope in modern life". Es ist das alte Lied: Der Misanthrop schwelgt wieder einmal in Melancholie und Selbstmitleid. Das macht er allerdings verdammt gut. Am Ende gibt's noch eine gute Dosis Punkgeballer, Kopfschmerzen eben, wie im Titel versprochen. Ein lauter, wunderbarer Anfang. Es folgt ein gut durchdachter Wechsel von Balladen und Rocksongs, von denen einige richtige Kracher sind. So zum Beispiel der Ohrwurm "I'm throwing my arms around Paris", ein Song der ganz großen Gesten: "Because only stone and steel accept my love". Dagegen muten die Akkorde im Indie-Pop-Song "One day Goodbye will be Farewell" beinahe klassisch an. Doch der Teufel steckt im Detail, denn Morrissey kann das Meutern nicht lassen: "And when I die / I want to go to hell". Alles andere wäre aber auch zu einfach. Und über all dem liegt die Stimme von Morrissey, die irgendwie reifer geworden ist, aber nichts von ihrem Gefühl eingebüßt hat. Dass er an einigen Stellen ins Knödeln fällt, ist charmant, sonst wäre seine Stimme auch zu perfekt, zu glatt und hätte nicht dieses unverkennbare Timbre. Das Vibrato am Ende eines Tons und die Hüpfer ins Falsett, beinahe kleine Jodler, zeigen nur einmal mehr, wie versiert Morrissey mit seine Stimme umzugehen weiß.
So auch im Schlüsselsong "That's how people grow up". Er beginnt wie der Klassiker "How soon is now" von The Smiths: Damals waren es aufheulende E-Gitarren, jetzt heult die verzerrte Stimme von Kristeen Young. Er habe seine Zeit verschwendet, sinniert Morrissey, indem er versuchte, sich zu verlieben. Das ist eigentlich nichts Neues, unerfüllte Liebe war schon immer eines seiner Hauptthemen, und doch hat sich etwas geändert. Morrissey sieht ein, dass er nicht der Nabel der Welt ist; auch andere Menschen haben Probleme, womöglich schwerwiegendere als die seinen. Der Narziss ist also weise geworden, milde mit sich selbst und der bösen Welt.
Auch das Plattencover, auf dem Morrissey ein halbnacktes Baby im Arm hält - übrigens das seines Tourmanagers - steht laut eigenen Angaben für das sich Öffnen seines Herzens. Wie es scheint, hat Morrissey kurz vor seinem 50. Geburtstag seine Melancholie überwunden und seinen Frieden mit sich gemacht, auch wenn er sich zwischendurch noch aufbäumt. Man munkelt, dass "Years of Refusal" sogar sein letztes Album sei. Doch was sollen das auch für Lieder sein, ohne den Weltschmerz des ewigen Misanthropen?
Ein Projekt wird Morrissey aber auf jeden Fall noch beenden. Er schreibt zur Zeit an seinen Memoiren, "um endlich mit dem ganzen Mist aufzuräumen", der über ihn verzapft wurde. Dabei reicht es doch schon, sein neues Album zu hören. That's how people grow up.
Franziska Seyboldt



